Optionen.

Die obige Gleichung habe ich mir selbst aus den Fingern gesogen. Was meine ich damit?

Insbesondere als Akademiker (aber beim besten Willen nicht nur, vielleicht auch ein availability bias) haben wir heute ein unfassbares Potpourri an Optionen im Leben. Auf die (meiner Meinung nach) wichtigsten Dimensionen runtergebrochen bedeutet das:

  1. Career: Die meisten Studienfächer ermöglichen uns eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten hinsichtlich des beruflichen Pfads, den wir einschlagen können. Auch wenn wir einen eingeschlagen haben, ergeben sich ständig neue Optionen, Aufstiegsmöglichkeiten, Auslandseinsätze, Headhunteranrufe und für den ein oder anderen vielleicht das Gefühl, dass es doch eigentlich noch höher, schneller, weiter hätte gehen sollen.
  2. Geography: Diesen Beruf können (und gefühlt sollen) wir an unterschiedlichsten Orten auf der Welt ausüben. Weil im eigenen Land arbeiten ist ja sterbenslangweilig und Deutschland eh doof und spießig. Da ist ja auch was dran, und die Welt zu sehen und mal woanders zu leben gibt sicherlich wichtige Perspektiven und schult den Charakter. Und manchmal geht es auch nicht anders, weil Jobs einfach multinational sind. Globalisierung und so.
  3. Partner: Insbesondere in Großstädten haben wir alle ein unüberschaubares Angebot an möglichen Partnern. Natürlich passen davon nur eine Handvoll zu uns, und ob wir diese Handvoll finden ist keine Selbstverständlichkeit, aber rein theoretisch ist da richtig viel Menschenmaterial. Angeheizt natürlich ist das alles mit Durchwisch-Apps wie Tinder & Co., die einem die schiere Masse noch mehr vor Augen halten.

Meine mathematisch natürlich nicht haltbare These ist: Wenn man das alles miteinander multipliziert ergibt das Unendlich (∞). Manchmal ergibt es auch 💥.

Und wieso sollte man das miteinander multiplizieren?

Weil es ja nicht anders geht. Vielleicht bin ich ja zum einen gebranntes Kind und zum anderen selber Teil dieser Gruppe, aber finde doch heute mal jemanden, der nicht entweder selbst plant „irgendwie im Ausland“ zu arbeiten, oder wegen einem neuen Job in eine andere Stadt zieht, noch nen MBA machen will usw. usw.

Das verkompliziert nicht nur Beziehungen, sondern erschwert wahrscheinlich auch das eigene Glücklichsein. Früher (ja… ganz früher meinetwegen) auf dem Dorf wurdest du halt entweder Bäcker oder Bauer oder Schreiner und hast entweder Lieschen oder Brunhilde geheiratet und das wars dann. Und da du nichts anderes kanntest, war das potentiell glücklich machend.

Sich heute final festzulegen klingt schon arg noch 1965 und lebenslange Karriere bei Siemens, ergo langweilig und Bausparer.

Wir wollen lieber ewig durchoptimieren. Die letzten 5% rausholen. Den besseren Job, den vielleicht besser passenden Partner, noch eine Station woanders mitnehmen, noch 30 Länder bereisen…you name it. Und wenn wir das eine haben, denken wir schon ans nächste. Wozu dieses Comic aus einem Vortrag von Barry Schwartz (Author des Buches „The Paradox of Choice“) recht gut passt:

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Dadurch, dass wir soviel Auswahl haben, sagt Schwartz im Übrigen, erwarten wir, dass unsere Wahl perfekt ist. Und weil es so viele andere Optionen gibt, bestehen jedesmal Opportunitätskosten, wenn du dich für eine der Optionen entscheidest – denn du kannst ja die anderen Optionen nicht gleichzeitig wahrnehmen. Er sagt wörtlich:

„opportunity cost subtract from the satisfaction of what we choose, even when what we chose was terrific“

Das heisst also, unsere Erwartung daran, was ein grossartiges Leben bedeutet, steigt mit all den Optionen. Und obwohl wir bessere „Lebensresultate“ bekommen, sind wir mit den Ergebnissen weniger zufrieden, weil wir erwarten, dass alles perfekt sein muss, da wir ja soviel Auswahl hatten. (Schwartz macht das Beispiel nicht über Lebensentscheidungen, aber sei’s drum – Video hier)

Ich glaube aber jenseits von Schwartz, dass all diese Optionen vor allem Beziehungen schwieriger machen. Wenn zwei Leute, die die Variable Partner gelöst haben, die Variablen Karriere und Geographie voll ausloten, dann wird es schwierig. Das war früher in der Höhle anders.

Die Lösung: The secret to happiness is low expectations. Sagt Schwartz.

Dan Gilbert, ein anderer Verhaltenspsychologe von der Harvard University, der ein unfassbar grossartiges Buch names Stumbling on Happiness geschrieben hat, sagt dass wir richtig mies darin sind vorherzusagen was uns glücklich macht. Wir glauben der andere, besser bezahlte Job oder die heiße schwedische Volleyballnationalspielerin oder der neue Cayenne machen uns glücklicher. Dann haben wir alles und siehe da: auch nicht glücklicher.

In Kombination also: Zuviel Auswahl macht weniger glücklich – wir haben aber immer mehr Auswahl – und wir sind schlecht darin zu wählen, was uns glücklich macht. Herzlichen Glückwunsch!

Was denkt ihr denn?

Ich brauch einen Schnaps. Wusstest ihr das Frangelico besser schmeckt, wenn man etwas Limette reinträufelt?

3 Kommentare zu „Optionen.

  1. Ein kniffliges Paradox, zu dem ich mal von diesem Experiment gehört habe: „The Jam Experiment“, link s. u.

    Mehr Auswahl macht einen also nicht zufriedener, sondern manchmal sogar unzufriedener. Bei den Dingen, die man sich anschafft und bei den Themen, mit denen man sich beschäftigt, gilt deshalb „Less is more“, finde ich.

    Lieber mal einen Oldtimer überholen, anstatt sich ein neues Auto zu kaufen. Oder einen Tisch selber bauen, also weniger Dinge bewusster erleben.

    Auf Medium.com ansehen

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    1. Danke für die weiterführende Lektüre, Sebastian. Fokussierung ist sicherlich sinnvoll, man muss sich nur selber dazu disziplinieren. Ich bin was das angeht relativ schlecht (was zumindest meine Interessen angeht). Ich versuche aber, wenn es z.B. um Kaufentscheidungen geht (z.B. Auswahl eines Hotels) mich zu zwingen relativ schnell eine sehr gute, wenn vielleicht nicht optimale, Entscheidung zu treffen. Man kann ja z.B. ewig Rezensionen lesen und findet immer irgendwer, der über ein an sich sehr gut bewertetes Produkt sagt, dass es Mist ist.

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